Bambus ist in Verruf geraten. Steht auf Kleidungs­stü­cken als Materi­al­zu­sam­men­set­zung „aus 100% Bambus“, so handelt es sich häufig um eine Faser, deren Rohstoff zwar Bambus ist, die aber mittels aufwän­digen chemi­sche Verfahren zu einer Textil­faser verar­beitet wurde.

Bambus hat eine antibak­te­ri­elle Wirkung und ist deshalb gerade im Wellness- und Gesund­heits­be­reich attraktiv. Die Rohfaser ist reißfest, leicht, atmungs­aktiv und elastisch. Bambus wächst extrem schnell, braucht kaum Pflege und gilt allge­mein als umwelt­freund­lich. Hier liegt die Betonung aller­dings auf „Roh“. Echte Bambus­fa­sern, deren Herstel­lung sehr aufwändig und teuer ist eignen sich bislang nämlich ledig­lich für gröbere Texti­lien. Die Vorteile dieser Faser bleiben bei der Visko­se­her­stel­lung größten­teils nicht erhalten. Die antibak­te­ri­elle Wirkung konnte in Textiler­zeug­nissen aus Bambus-Visko­se­fa­sern nicht nachge­wiesen werden. So verspricht eine falsch gekenn­zeich­nete Ware etwas, was sie nicht hält und belastet die Umwelt.

Aus Bäumen wird Mode

Wie entsteht nun Viskose? Ausgangs­stoffe  sind  zellu­lo­se­hal­tige Rohstoffe, wie z.B. Holz, Bambus, Schilf, Stroh oder Mais. Auch die Kurzfa­sern der Baumwolle werden verwendet. Unter hohem Chemie-Einsatz kann daraus Mode werden, denn Zellu­lose ist eine der Gerüst­sub­stanzen, die die Zellen in Pflanzen so stabil macht. Diese Eigen­schaft lässt sich auch für die Faser­her­stel­lung nutzen.

Pflanzen bestehen nicht nur aus Zellu­lose, also muss diese zunächst von anderen Substanzen (Lignin, Harz, Wachs, Eiweiß, Lipide) getrennt werden. Heute löst man üblicher­weise diese sogenannten Holzbe­gleit­stoffe mit organi­schen Lösungs­mit­teln wie Methanol oder Ethanol. Übrig bleibt dann Zellstoff, eine feinfa­se­rige Masse, die vorwie­gend aus Zellu­lose besteht. Dieser Zellstoff ist dann Ausgangs­stoff zur Herstel­lung von Visko­se­fa­sern und wird zunächst in 18–22 prozen­tige Natron­lauge getaucht. Dabei bildet sich Alkali­zel­lu­lose. Diese wird gepresst, um sie etwas zu trocknen, und danach zu einer krüme­ligen Masse zerfa­sert. Jetzt bleibt sie während der sogenannten Vorreife 1,5 Tage liegen. Im nächsten Arbeits­schritt wird die Alkali­zel­lu­lose etwa 3 Stunden lang bei 25 — 30° C mit Schwe­fel­koh­len­stoff umgesetzt. Cellu­lo­sex­ant­ho­genat entsteht, eine orange-gelbe Masse.

Zur Herstel­lung der gewünschten Fasern muss jetzt die so genannte Spinn­lö­sung herge­stellt werden. Hierfür wird das erhal­tene Cellu­lo­sex­ant­ho­genat in 7%iger Natron­lauge gelöst. Die Lösung wird im Vakuum von Luft befreit und muss vor dem Verspinnen noch 2 – 3 Tage nachreifen, wobei Polyme­ri­sa­tionen ablaufen. Die gereifte Spinn­lö­sung wird durch feine Düsen in ein Fäll- oder Spinnbad gepresst, das aus einer Lösung von Schwe­fel­säure besteht. Unter einer heftigen Geruchs­ent­wick­lung entsteht Schwefel, Schwe­fel­was­ser­stoff, Schwe­fel­koh­len­stoff, Natri­ums­ulfat und — endlich — auch die gewünschte Visko­se­faser. Der Faden muss nun noch verstreckt, mit Gleit­mittel versehen und anschlie­ßend gewaschen und getrocknet werden,  um ihn von eben diesen gesund­heits­ge­fähr­denden Stoffen zu befreien. Anschlie­ßend kann er für verschie­dene Verwen­dungs­zwecke zu dickeren Fasern weiter­ver­ar­beitet werden.

Verbrau­cher­schutz

Das Textil­kenn­zeich­nungs­ge­setz sieht für solche Produkte als einzige richtige Kennzeich­nung „Viskose“ vor. Der Verstoß gegen das Textil­kenn­zeich­nungs­ge­setz kann zwar mit bis zu 5000 Euro Strafe geahndet werden, was aber größere Unter­nehmen häufig nicht abzuschre­cken vermag. Nur Trans­pa­renz und Offen­heit schaffen eine Vertrau­ens­grund­lage zwischen Geschäfts­part­nern, von der letzt­lich alle bis hin zum Kunden profi­tieren.

Die Tatsache, dass als Rohstoff für Viskose Pflan­zen­ma­te­rial verwendet wird, bedeutet also nicht, dass es sich dabei um eine Natur­faser handelt. Der Unter­schied von Viskose — einer sogenannten Regene­rat­faser — zu Natur­fa­sern liegt darin, dass Viskose erst nach aufwen­digen chemi­schen Umwand­lungs­pro­zessen versponnen werden kann. Durch die inten­sive chemi­sche Behand­lung verliert die Ausgangs­faser einen Teil ihrer natür­li­chen Eigen­schaften und eine zum Teil beträcht­liche Menge von schäd­li­chen Zwischen­pro­dukten entsteht. Schwe­fel­was­ser­stoff und Schwe­fel­koh­len­stoff sind Nerven­gifte und in gewissen Mengen tödlich. Schwefel­wasserstoff ist fast ebenso giftig wie Blausäure. Schwe­fel­koh­len­stoff ist darüber hinaus außer­or­dent­lich leicht entflammbar. Der immense Energie–  und Wasser­aufwand sowie die Belas­tung der Abwässer mit Chemi­ka­lien macht letzt­lich klar, dass Regene­rat­fa­sern keine Natur­fa­sern und schon gar nicht ökolo­gisch sinnvoll sind. Viskose ist leicht brennbar, eine Gefahr, die – vor allem bei Beklei­dung für Kinder – häufig unter­schätzt wird.

Der Der Inter­na­tio­nale Verband der Natur­tex­til­wirt­schaft akzep­tiert Viskose , sei sie aus Bambus, Mais oder Holz, also nicht als Natur­faser und empfiehlt Verbrau­chern, die sicher gehen möchten, beim Hersteller direkt nachzu­fragen.