Zusammenhalten – Aufrüschen – Funktionieren

Beitrag veröffentlicht in der Zeitschrift Natürlich Natur | Januar 2018

Kleinigkeiten, die aus Stoffen Kleider machen

Kürzlich bei einer Weinprobe kam in gemüt­li­cher Runde die Frage auf: „Was sind eigent­lich Kurzwaren und warum heißen die so?“. Was man darunter versteht, ist allen, die selbst nähen, stricken und basteln ein Begriff. Die kleinen Gegen­stände, die man zum Schnei­dern braucht, wie Knöpfe, Schnallen, Nadeln, Zwirne, Gummi­band, Reißver­schlüsse oder Borten, kennt man aus der Kaufhaus-Abtei­lung gleichen Namens. Über die Worther­kunft findet man verschie­dene Theorien. Eine davon besagt, dass „kurz“ früher als Abwand­lung des latei­ni­schen Wortes „corto“ im Sinne von „klein“ benutzt wurde und sich textil­bran­chen­spe­zi­fisch für kleine Dinge manifes­tiert hat.

 

Die etwas stimmi­gere Erklä­rung findet sich  im Deutschen Wörter­buch von Jacob und Wilhelm Grimm: Es gab auch lange Waren, die mit der Elle gemessen wurden. Die kurzen Waren waren demnach Stückgut, das nicht nach seiner Länge (wie beispiels­weise Stoff) bezahlt werden musste.

In der Textil­in­dus­trie werden Garne, Knöpfe und Co aber ohnehin als „Zutaten und Acces­soires“ bezeichnet. Alle Bestand­teile, die außer der „Textilen Fläche“, also dem Stoff noch zur Herstel­lung eines fertigen Kleidungs­stü­ckes gebraucht werden, sind hierunter zusam­men­ge­fasst. Der Begriff umfasst noch einiges mehr, als das, was wir unter „Kurzwaren“ kennen, wie Futter­stoffe, Einlagen, Polster, Vliese und so weiter.

Uns treibt weniger die Frage nach der Namens­ge­bung dieser Produkt­gruppe um, als die nach der Nachhal­tig­keit. Zutaten und Acces­soires bestehen aus vielen Rohstoffen, was eine Betrach­tung nach Gesund­heits- und Öko-Aspekten recht komplex macht. Metalle, Kunst­stoffe, Holz, Kautschuk, Nüsse, Holz, Leder, Horn, Knochen, Muscheln, Stein und Texti­lien werden verwendet, um nur einige zu nennen. In einem Kleidungs­stück, das aus Bio-Baumwolle herge­stellt und sauber gefärbt wurde, kann durchaus so manches umwelt­be­las­tende Acces­soire vernäht sein.

Wie ist es also um die Nachhal­tig­keit der kleinen, aber oft essen­tiell wichtigen Zutaten bestellt?
Zunächst einmal kann man in dieser Produkt­gruppe all die Nachhal­tig­keits­as­pekte betrachten und bewerten, die bei Texti­lien allge­mein auch unter die Lupe genommen werden. Zutaten und Acces­soires können Aller­gien auslösen, biolo­gisch nicht abbaubar sein, von bedrohten Tierarten stammen, von ausge­beu­teten Arbei­tern herge­stellt worden sein oder einfach nicht lange halten. Genauso können sie aber auch schad­stoff­frei sein, aus zerti­fi­zierten Natur­roh­stoffen gemacht, hochwertig oder in Deutsch­land fair produ­ziert worden sein. Es ist gut zu wissen, dass die IVN Standards NATURTEXTIL BEST und Global Organic Textile Standard auch hier anspruchs­volle Anfor­de­rungen stellen.

 

Gesundheit für Verbraucher

Beson­ders für Babies, Kinder und Aller­giker ist es wichtig, dass Knöpfe und Reißver­schlüsse keine Schad­stoffe enthalten, die giftig sind oder Aller­gien auslösen können, denn sie kommen oft direkt mit der Haut in Kontakt. Metall-Teile können beispiels­weise Chrom und Nickel enthalten und abgeben, was viele Menschen nicht vertragen. Holz wird häufig mit Bioziden behan­delt und – genau wie Kunst­stoffe – gefärbt. Schwer­me­talle, Disper­si­ons­farb­stoffe, Pesti­zide und Phtha­late sind nur einige der Substanzen, die in BEST oder GOTS zerti­fi­zierten Produkten nicht enthalten sein dürfen. Grund­sätz­lich muss für alle einge­setzten Zutaten und Acces­soires nachge­wiesen werden, dass sie keine gesund­heits- und umwelt­schäd­li­chen Rückstände enthalten.

 

Biologische Abbaubarkeit

Konven­tio­nelle Kunst­stoffe können in der Natur nur äußerst langwierig abgebaut werden. So kann laut Umwelt­bun­desamt (umweltbundesamt.de) die Zerset­zung vo Kunst­stoffen in Abhän­gig­keit von verschie­denen Umwelt­fak­toren bis zu 450 Jahre dauern. Gelangt Kunst­soff in die Umwelt, zerfällt er zunächst durch Abrieb und UV-Strah­lung in viele Mikro­par­tikel und bedroht dadurch massiv die Tierwelt, vor allem in den Weltmeeren (siehe „Stein­zeit, Bronze­zeit, Eisen­zeit, Kunst­stoff­zeit“, Natür­lich Natur Januar 2017).  Erdöl basierte Kunst­stoffe entstehen aus nicht erneu­er­baren Rohstoffen, die zügig immer knapper werden. Bei ihrer Herstel­lung werden in der Regel umwelt­be­las­tende Chemi­ka­lien einge­setzt. Hierzu könnten biolo­gisch abbau­bare Kunst­stoffe tieri­schen oder pflanz­li­chen Ursprungs eine Alter­na­tive sein, wenn sie für Zutaten und modische Acces­soires am Markt verfügbar wären. Bei Knöpfen, Reißver­schlüssen oder Verstär­kungen aus Recycling­kunst­stoffen fällt zwar der Einsatz von nicht erneu­er­baren Rohstoffen weg, die Probleme mit Abbau­bar­keit und Chemi­ka­li­en­ein­satz bleibt aber leider bestehen. Der Einsatz von Natur­ma­te­ria­lien ist aus Sicht des IVN daher nach wie vor die bessere Wahl. Während der GOTS hier ledig­lich ein Verbot für PVC ausspricht, schränkt NATURTEXTIL  BEST den Einsatz von Kunst­stoffen bei Zutaten und Acces­soires stark ein. Nur wenn die Funktio­na­lität den Einsatz von Natur­ma­te­ria­lien nicht erlaubt oder Natur­pro­dukte am Markt nicht erhält­lich sind, macht der Standard hier Konzes­sionen.  Nähgarne aus Baumwolle halten beispiels­weise nicht lang genug, um gröbere Stoffe wie Denim oder Canvas der Trage­dauer des Produkts entspre­chend zusammen zu halten. Reißver­schlüsse mit Textil­bän­dern und Metall­schie­bern und –ketten sind vor allem in kleineren Stück­zahlen nicht variabel genug erhält­lich.

 

Artenschutz und Raubbau

Aber auch der Einsatz von natür­li­chen Rohstoffen kann Nachhal­tig­keits-Probleme mit sich bringen. Tropen­hölzer werden einge­setzt, weil sie vergleichs­weise hart, wasser­re­sis­tent, unemp­find­lich gegen Pilze und preis­günstig sind.  Wer den Regen­wald schützen will, setzt Holz von einhei­mi­schen Bäumen ein. Zerti­fi­kate wie FSC und PEFC regeln zwar den schlimmsten Raubbau, werden inzwi­schen aber auch von Organi­sa­tionen wie Rettet den Regen­wald (www.regenwald.org)  kriti­siert. Auch vom Aussterben bedrohte Muscheln, Horn oder Bein von geschützten Pflanzen-und Tierarten kommen als Zutat oder modisches Acces­soire zum Einsatz. Bei Texti­lien, die BEST oder GOTS zerti­fi­ziert sind, dürfen nur Zutaten und Acces­soires verwendet werden, die nachweis­lich nicht von bedrohten Tier-, Pflanzen- oder Holzarten stammen.

 

Wie sieht es für Veganer aus?

Man kann die Veganer-Bewegung sehen, wie man möchte, fest steht: Vegan ist Trend. Konse­quente Veganer möchten auch in ihrer Kleidung kein Fitzel­chen Tier haben. Und wenn wir schon von „konse­quent“ reden, dann sollten auch Knöpfe,  Schließen und Patches nicht aus Horn, Perlmutter, Leder oder anderen tieri­schen Produkten bestehen.  Und selbst wenn man Knöpfe aus Holz, Stein­nuss oder sogar Kunst­stoff mit der Strick­jacke mit kauft – auch die können wiederum mit tieri­schen Wachsen oder Farbstoffen behan­delt sein. Es gibt aber durchaus Anbieter, die echte vegane Zutaten und Acces­soires anbieten und diesen Aspekt sehr ernst nehmen (www.knopf-budke.de).

 

Textile Konsequenz

Auch Einnäh-Etiketten, Futter­stoffe und Taschen­beutel zählen zu Zutaten und Acces­soires. Sie bestehen in der Regel aus textilen Flächen. Wer auf ein natür­li­ches Bio-Kleidungs­stück Wert legt, sollte darauf achten, dass diese Bestand­teile nicht aus Kunst­stoff-Fasern herge­stellt wurden. Ein Futter aus Nylon rutscht zwar besser – was beson­ders wichtig bei Blazern und Sakkos ist – aber man trägt es auch direkt auf der Haut. Ein unange­nehmes Gefühl für Natur­faser-Fans. Viskose ist hier gerade noch akzep­tabel, wenn auch von der Öko-Bilanz her nicht mit Bio-Natur­fa­sern zu verglei­chen. Einnäh-Etiketten sind als Natur­fa­ser­pro­dukte häufig zu sperrig. Einige Hersteller, die statt­dessen nicht zum Synthetik- oder Viskose-Etikett greifen wollen, verwenden keine Etiketten mehr, sondern drucken als Alter­na­tive die Verbrau­cher-Infor­ma­tionen einfach in die Innen­seite der Kleidung.

 

Fragen kostet nichts

Herrlich bunt, wunderbar vielfältig und ebenso komplex kommen sie also daher, die kleinen Dinge der Kleidung.  Auch wenn sie den deutlich kleineren Teil textiler Produkte ausma­chen, ist es nur konse­quent auch sie auf den Nachhal­tig­keits-Prüfstand zu stellen. Gesund­heits­schäd­liche Bestand­teile schließen die beiden Standards GOTS und NATURTEXTIL BEST aus und auch bei anderen Schad­stoff-Standards wie ÖkoTex 100 oder TÜV werden Zutaten und Acces­soires mit bewertet. Den Einsatz von Bestand­teilen, die von bedrohten Arten stammen verbieten in Bezug auf Zutaten und Acces­soires nur der GOTS und NATURTEXTIL BEST konse­quent. Natür­liche Rohstoffe – und mit ihnen auch eine ökolo­gi­sche Abbau­bar­keit gewährt am umfas­sendsten NATURTEXTIL BEST. Wer auf bestimmte Aspekte, wie Veganismus Wert legt, muss beim Hersteller gezielt nachfragen und ist bei den Mitglie­dern des IVN hier bestens aufge­hoben.