Mikroplastik – klein aber bedrohlich
Steinzeit – Bronzezeit – Eisenzeit – Kunststoffzeit
Kunststoffe sind in unserer Welt allgegenwärtig. Wir kennen sie z.B. als Verpackung, Kleidung, Schuhe oder Bodenbeläge. Unsichtbar stecken sie in Lacken, Klebstoffen, Kosmetik und sogar in Lebensmitteln. Sie ersetzen oft teurere natürliche Rohstoffe und haben den Vorteil, dass sie formbar, elastisch, bruchfest, temperaturunempfindlich und beständig sind. Die Beständigkeit von Kunststoffen ist aber Segen und Fluch zugleich. Kunststoff ist quasi nicht abbaubar und belastet die Umwelt vor allem dann, wenn er als Müll nicht fachgerecht entsorgt wird. Das betrifft auch die Textil- und Lederindustrie, denn ein Gutteil an Polyester, Polyacryl, Polyvinyl, Polyurethan und Co. wird für die Modeindustrie verbraucht. Jetzt ist Plastik zu einem massiven Nachhaltigkeitsproblem geworden – auf dem Land und vor allem im Meer.
Klein aber bedrohlich
Kleinste Kunststoff-Teilchen, genauer gesagt solche, die kleiner als fünf Millimeter messen, werden als Mikroplastik bezeichnet. Die offizielle Bezeichnung wäre Polymermikropartikel. Es spielt dabei keine Rolle, um welche Art von Kunststoff es sich handelt. Mikroplastik gelangt auf vielen Wegen in unsere Grund- und Oberflächengewässer – etwa durch Reifenabrieb, synthetische Kleidung, Kosmetikprodukte oder Zerfall von Plastikmüll. Es bedroht viele Lebewesen, in den Weltmeeren sind laut aktuellen Studien inzwischen über 1.200 Arten konkret betroffen (UNEP 2023 und IUCN 2022). Dass sich Mikroplastik im Meer anreichert, ist bereits seit den 1970er Jahren bekannt. Wegen seiner geringen Größe fand es jedoch lange keine Beachtung im Umweltschutz. Erst in den letzten 10 bis 15 Jahren wird die Problematik intensiver erforscht, insbesondere auch die Wirkung auf Ökosysteme und die mögliche Aufnahme in die menschliche Nahrungskette.
Bei primärem Mikroplastik handelt es sich um Kunststoffe, die bereits in mikroskopischer oder millimetergroßer Form in die Umwelt gelangen. Dazu zählen unter anderem Basis-Pellets als Rohmaterial der Plastikproduktion oder Mikrogranulate, die früher in Kosmetika und Hygieneprodukten eingesetzt wurden. Letztere sind in vielen Ländern – darunter auch in der EU – inzwischen gesetzlich verboten oder stark eingeschränkt (EU-Verordnung 2023/2055).
“Eine Plastiktüte am Strand stört zwar das ästhetische Empfinden, ist zunächst aber keine unmittelbare Gefährdung für die Umwelt”, sagt Mikrobiologin Dr. Sonja Oberbeckmann vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW). Denn ein fertiges Plastikprodukt an sich ist in der Regel nicht toxisch – potenziell schädliche Zusatzstoffe wie Weichmacher oder Flammschutzmittel sind meist fest im Material gebunden. Erst wenn Kunststoffe durch UV-Strahlung, mechanischen Abrieb, Hitze oder biologische Prozesse in immer kleinere Fragmente zerfallen, werden sie zur Gefahr. Sie können dann von Tieren mit der Nahrung aufgenommen werden. Diese Partikel, die ursprünglich als größere Kunststoffabfälle in die Umwelt gelangt sind, bezeichnet man als sekundäres Mikroplastik (Oberbeckmann, S. et al. 2021).
Axel Hess: Sauberes Meer
Primäres und sekundäres Mikroplastik – Quellen, Verwendung und Umweltrelevanz
Primäres Mikroplastik wird für verschiedenste Produktgruppen eingesetzt. In der Vergangenheit wurden beispielsweise in Kosmetika laut einer Studie des Umweltbundesamtes in Deutschland pro Jahr rund 500 Tonnen Mikropartikel aus Polyethylen verwendet – dem weltweit am häufigsten eingesetzten Kunststoff – etwa für Peelings, Duschgele oder Zahnpasten (UBA 2022). Über den Abfluss gelangten diese Teilchen beim Benutzen der Produkte ins Abwasser. Mikroplastik aus Kosmetika macht zwar nur einen vergleichsweise geringen Teil der Umweltverschmutzung aus, gehört aber zu den völlig vermeidbaren Einträgen, da es leicht durch natürliche Rohstoffe wie gemahlene Nussschalen, Tonerden oder Salz ersetzt werden kann. Aufgrund dieser Tatsache wurde Mikroplastik in kosmetischen Produkten von der EU mittlerweile stark reguliert. Seit Inkrafttreten der EU-Verordnung 2023/2055 ist der Einsatz absichtlich zugesetzten Mikroplastiks in Kosmetika und Hygieneprodukten schrittweise verboten worden – für viele Anwendungen gilt bereits ein Verkaufsverbot.
Rund 200 Tonnen primäres Mikroplastik werden weiterhin in der deutschen Industrie für Wasch‑, Reinigungs- und Strahlmittel eingesetzt. Zudem fließen jährlich etwa 100.000 Tonnen in Form von mikronisierten Kunststoffwachsen in technische Anwendungen, zum Beispiel in Farben, Lacke oder Beschichtungen (UBA 2022).
Den weitaus bedeutenderen Teil der Verschmutzung im Meer verursacht jedoch das sekundäre Mikroplastik. Laut UBA-Studie und internationalen Schätzungen landen rund sechs bis zehn Prozent der weltweit produzierten Kunststoffe langfristig in der Umwelt, insbesondere in den Meeren. Das entspricht bis zu 30 Millionen Tonnen Kunststoff jährlich weltweit – allein in Europa zwischen 3,4 und 5,7 Millionen Tonnen pro Jahr ((UBA 2022 und UNEP 2023) . Wie viel davon durch Fragmentierung zu Mikroplastik wird und letztlich in die Gewässer gelangt, ist wissenschaftlich noch nicht exakt quantifizierbar. Klar ist jedoch, dass der Zerfall von Kunststoffabfällen, Reifenabrieb, Fasern aus Textilien sowie unzureichend gefiltertes Abwasser zu den größten Quellen sekundären Mikroplastiks gehören.
Mikroplastik und Textilien
Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts UMSICHT aus dem Jahr 2018 gelangen allein in Deutschland jährlich rund 1.035 Tonnen Mikrofasern durch Waschabrieb von Kleidungsstücken aus synthetischen Fasern in die Umwelt. Die Quelle der Verunreinigungen sind hauptsächlich Sport‑, Outdoor- oder Funktionskleidung aus Kunstfasern sowie andere synthetische Gewebe. Kleidung aus Kunststoff-Fleece verliert beim Waschen besonders viele Fusseln. Waschmaschinen verfügen bislang nicht über ausreichend wirksame Filter, und auch Kläranlagen hindern die Teilchen nicht vollständig daran, in unsere Gewässer und dann weiter in die Weltmeere zu gelangen. Eine Analyse der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) von 2022 kommt zu dem Ergebnis, dass weltweit etwa 35 % des Mikroplastiks in den Ozeanen durch das Waschen synthetischer Textilien verursacht wird.
Technische Lösungen wie spezielle Waschbeutel oder nachrüstbare Mikroplastikfilter können den Faserabrieb reduzieren, sind jedoch noch nicht weit verbreitet. Die Europäische Kommission plant deshalb verbindliche Vorgaben, die den Einbau von Mikroplastikfiltern in neuen Waschmaschinen künftig zur Pflicht machen sollen (Vorschlag Ökodesign-Verordnung).
Die Auswirkungen
Mikroplastik schwimmt, je nach Dichte, in verschiedenen Tiefen des Wassers oder sammelt sich an der Oberfläche. Es wird von Fischen, Meerestieren und Seevögeln aufgenommen, die die Teilchen mit Nahrung verwechseln. Das stellt zunächst ein physikalisches Problem dar, denn das unverdauliche Material kann zu Darmverschlüssen und Verletzungen der Schleimhäute führen. Die betroffenen Tiere verhungern mit vollem Magen oder erleiden innere Verletzungen.
Auch wenn Kunststoffe während ihrer Nutzungsphase meist als stabil und nicht toxisch gelten, können sich beim Zerfall bedenkliche Stoffe aus dem Kunststoffverbund lösen. Dabei handelt es sich beispielsweise um Weichmacher, Flammschutzmittel, UV-Stabilisatoren oder Füllstoffe. Farbmittel in und auf Kunststoffen enthalten häufig Schwermetalle. Im Verdauungssystem der Tiere können diese Stoffe freigesetzt werden und zu toxischen Wirkungen führen (European Commission 2019).
Über die Nahrungskette gelangen Mikroplastikpartikel und deren Schadstoffe schließlich auch zum Menschen. Studien zeigen, dass Mikroplastik in Fischen, Muscheln, Trinkwasser, Honig, Salz und sogar in Muttermilch nachgewiesen wurde. Laut einer Untersuchung des Alfred-Wegener-Instituts aus dem Jahr 2023 lässt sich Mikroplastik mittlerweile in nahezu allen globalen Ökosystemen nachweisen – ob im Hochgebirge, in Tiefseesedimenten oder im arktischen Eis (Alfred-Wegener-Institut 2023).
Plastik ist äußerst langlebig und baut sich nur sehr langsam ab – deutlich langsamer, als neue Mengen in die Umwelt gelangen. Mikroplastik sammelt sich daher unaufhörlich an. In Flüssen wie Rhein oder Donau, aber auch im arktischen Meereis, wurden hohe Konzentrationen gefunden. Die durch Strömungen zusammengeführten Plastikteppiche im Meer, wie der „Great Pacific Garbage Patch“, haben inzwischen Ausmaße, die mit Zentraleuropa vergleichbar sind (UNEP 2023).
Prävention und Aktion – Es ist Zeit zu handeln
Wie bei allen Umweltproblemen können nur Politik, Industrie, Handel, Organisationen und Verbraucher gemeinsam etwas bewirken.
Die Industrie hat hierbei eine zentrale Rolle. Umweltorganisationen wie Greenpeace, NABU oder Plasticontrol fordern beispielsweise verpflichtende Mikroplastikfilter in Waschmaschinen sowie effizientere Filterstufen in Kläranlagen. Auch standardisierte Waschtests für synthetische Kleidung wären ein sinnvoller Beitrag zur Schadensbegrenzung. Im Bereich der Körperpflegeprodukte konnte Greenpeace durch Kampagnen zahlreiche Hersteller bereits zum Verzicht auf Mikroplastik bewegen.
Doch nicht nur Prävention ist gefragt, sondern auch konkrete Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme. Organisationen wie The Ocean Cleanup entwickeln seit Jahren Technologien zur Sammlung von Plastikmüll in Ozeanen und Flüssen. Gründer Boyan Slat hat schwimmende Filtersysteme konzipiert, die Plastik aus den Meeresströmungen auffangen und zur Entsorgung an Land bringen.
Die Politik ist in der Verantwortung, klare gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen – sowohl für die Entwicklung schadstofffreier Kunststoffe als auch für die Erforschung von Ursachen und Auswirkungen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat mit dem Aktionsplan „Plastik in der Umwelt – Quellen, Senken, Lösungsansätze“ bereits einen wichtigen Schritt getan. Hier wird nicht nur Grundlagenforschung gefördert, sondern auch die Entwicklung technischer und ökologischer Alternativen.
Im Textilbereich trägt auch der Handel Verantwortung. Der Einsatz nachhaltiger Naturfasern sollte geteigert werden, denn diese sind biologisch abbaubar und setzen beim Waschen keine gefährlichen Partikel frei. Zertifikate wie „NATURTEXTIL IVN zertifiziert BEST“ stehen für Textilien aus 100 % Naturfasern, bei denen nur streng kontrollierte und schadstofffreie Hilfsstoffe zum Einsatz kommen. Ebenso gilt das „NATURLEDER IVN zertifiziert“-Label als Beleg für ökologische, chromfreie Lederverarbeitung ohne Kunststoffbeschichtungen oder toxische Farbstoffe.
Verbraucher können ebenfalls etwas tun, auch als Einzelpersonen können wir einen Beitrag leisten – und das fängt bei bewussterem Konsum an. Als allererstes sollten wir darauf achten, möglichst wenige Kunststoffprodukte zu kaufen und zu verwenden, hier liegt der Fokus auf Verpackungen.
Im Textilbereich sind natürliche und andere abbaubare Fasern eine gute Wahl. Unbeschichtetes Echtleder oder abbaubare Lederersatzprodukte verursachen auch kein Mikroplastik. Und auch beim Wäschewaschen können wir aktiv Mikroplastik reduzieren – etwa durch den Einsatz von Waschbeuteln, die beim Waschen freigesetzte Fasern auffangen, bevor sie ins Abwasser gelangen.
