Ein Besuch bei den Klimahelden
Besuch auf dem Baumwollfeld
Für Naturtextiler:innen ist Ägypten mehr als das Land der Pharaonen. Ägypten ist Lieferant von sehr hochwerter Baumwolle. Im Alten Ägypten ist Baumwolle bereits seit dem Neuen Reich (ca. 1550 v. Ch.) durch Grabfunde belegt, heute ist das weiße Gold dort wirtschaftlich von großer Bedeutung. Damit liegt der Grund für die IVN Verbandsreise dorthin schon fast auf der Hand. Ägypten ist zudem auch das Zuhause der SEKEM Initiative, ein Leuchtturmprojekt für nachhaltiges Wirtschaften, deren CEO Helmy Abouleish uns ganz persönlich anlässlich der Auftaktveranstaltung der Academy in 2023 eingeladen hatte, die SEKEM-Farm und die weitreichenden Aktivitäten der SEKEM Holding im Bereich nachhaltiger Wirtschaft und biodynamischer Landwirtschaft kennenzulernen. É voila! Ende Oktober 2024 begann unsere kleine Rundreise durch Stadt und Land, durch Agrarwissenschaft und Geschichte, durch Zukunftsvisionen und Alltagsbewältigung. Eine Reise voller Inspirationen, Freundschaft, interessanter Gespräche und Informationen…
Sieben Naturtextil-Unternehmen waren mit dabei. Die insgesamt 14 Mitreisenden trafen sich am Sonntag Abend in Kairo zu einem Kennenlern-Dinner.
SEKEM Gästehaus
Die SEKEM Holding
Montag früh fiel dann der eigentliche Startschuss, wir wurden alle gemeinsam zur SEKEM Mutterfarm geshuttlet, die knapp eine Stunde außerhalb von Kairo am Rand der Wüste liegt.
SEKEM wurde 1977 als biodynamisches Landwirtschaftsprojekt von Visionär Ibrahim Abouleish gegründet.
Das Projekt wurde mit vielen internationalen Preisen für sein umfangreiches soziales Engagement geehrt, u.a. mit dem Alternativen Nobelpreis (Right Livelyhood Award), den Business for Peace Award (Oslo) und dem Land for Life Award (UNCCD). Ein Vorzeige-Leuchtturmprojekt.
Heute wird das Unternehmen von seinem Sohn Helmy Abouleish mit der Unterstützung seiner Frau Konstanze geführt. Besonders bemerkenswert ist der ganzheitliche Ansatz der Gemeinschaft, der die Bereiche Ökologie, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur miteinander verknüpft und dabei ein großes Stück Wüste in fruchtbares Land verwandelt hat.
Start in den Tag im Morgenkreis
Nacheinem sehr herzlichen Empfang und dem Einchecken in die gemütlichen Zimmer des Gästehauses ging es auch gleich los zur Besichtigungstour des inspirierenden Unternehmens.
Die 75 Hektar Land sind weit mehr als eine Farm. Die große Familie der insgesamt rund 500 Mitarbeiter lebt hier den Spirit der „Economy of Love“ – was auf den ersten Blick vielleicht nach einem idealistischen Konzept klingt, ist in Wahrheit ein in vielerlei Hinsicht tragfähiges Geschäftsmodell: Erfolgreiches Wirtschaften in gegenseitigem Respekt und Mitgefühl. Das konnten wir den Menschen, denen wir auf dem Gelände begegnet sind auch tatsächlich anmerken. Man spürte förmlich, wie sehr diese Haltung den Alltag der Menschen hier prägt – in den Begegnungen, im offenen Miteinander, in der Art, wie gearbeitet und gelebt wird.
Zum Teil leben die Mitarbeiter mit ihren Familien direkt auf dem Gelände, teilweise in den umliegenden Dörfern.
Demeter Anbau in der Wüste, spannend!
Biodynamische Landwirtschaft
Als erstes bekamen wir bei der Besichtigung der Kompostierungsanlage einen Crashkurs zum Thema:
Eine Schlüsselrolle für die Farm spielt die Erzeugung und der Einsatz von Kompost und so war die erste Station auch die imposante Kompostierungsanlage. Rinder und Schafe werden auf SEKEM hauptsächlich für die Erzeugung von Dung gehalten. SEKEM nutzt ihn nicht nur für die Felder des Unternehmens selbst, sondern versorgt auch die umliegenden Bauernhöfe mit Nährstoffen. Über 2.000 Bauern sind dem SEKEM Netzwerk inzwischen angeschlossen und so Bestandteil der Mission, die Prinzipien der nachhaltigen Landwirtschaft auf eine größere Fläche auszudehnen und eine positive wirtschaftliche und ökologische Wirkung in der Region zu erzielen. Die Tiere werden natürlich artgerecht gehalten, mit viel Auslauf, überdachten Futterplätzen, und geschützt vor Wind und Sonne.
Vorbei an Bienenstöcken und den für Ägypten typischen, traditionellen Taubenhäusern geht es weiter zu den Gewächshäusern der Farm. Hier werden Kräuter, Tee und medizinische Nutzpflanzen gezogen – teilweise für die. Ein Mitarbeiter hat uns gezeigt, wie das Pfropfen von Setzlingen vonstatten geht, die für das Greening the Desert Projekt in Wahat in der Wüste bis zur Einpflanzung genutzt werden.
Mehr als eine Farm
SEKEM ist nicht nur ein landwirtschaftlicher Betrieb, sondern auch Ausbildungsstätte für junge Menschen, die handwerkliche Berufe erlernen möchten. Junge Menschen finden hier nicht nur Arbeit, sondern auch Perspektiven: In verschiedenen Ausbildungsstätten können sie handwerkliche Berufe erlernen, die in der Region dringend gebraucht werden und ihnen eine selbstbestimmte berufliche Zukunft ermöglichen. Im Rahmen unserer Besichtigung besuchten wir die Schreinerei und die Metallwerkstatt, in denen sowohl Auszubildende als auch erfahrene Fachkräfte tätig sind.
Die hier gefertigten Werkstücke entstehen überwiegend für den Eigenbedarf der Farm und ihrer Einrichtungen – dazu zählen Möbel wie Stühle und Tische ebenso wie funktionale Bauelemente für Gebäude und Anlagen. Die Herstellung erfolgt mit einfachen, aber effizienten Mitteln und legt erkennbar Wert auf Langlebigkeit und Zweckmäßigkeit.
Die Mitarbeiter:innen präsentierten uns ihre Arbeit mit großem Engagement und erklärten anschaulich die verschiedenen Arbeitsschritte. Die Werkstätten sind Teil eines praxisorientierten Bildungskonzepts, das jungen Menschen berufliche Qualifikation und gleichzeitig eine Perspektive innerhalb eines nachhaltig wirtschaftenden Umfelds bietet.
Spaß beim Lernen
Darüber hinaus verfügt SEKEM über eine umfassende soziale Infrastruktur, deren zentraler Bestandteil ein durchgängiges Bildungsangebot ist und das sich sowohl an die Kinder der Mitarbeitenden als auch an Kinder aus den umliegenden Gemeinden richtet.
Es reicht von der Betreuung in der Krabbelgruppe über einen Kindergarten und die Grundschule bis hin zur weiterführenden Schule mit der Möglichkeit, das ägyptische Abitur zu absolvieren.
Die Einrichtung orientiert sich an der Waldorfpädagogik und legt besonderen Wert auf Kreativität, ganzheitliches Lernen und individuelle Förderung.
Bei unserem Besuch wurde deutlich, wie sehr die Kinder von diesem Umfeld profitieren: Ihre Neugier, die offene Lernatmosphäre und der spielerische Umgang mit Wissen zeugten von einer lebendigen und motivierenden Bildungsumgebung.
NATURETEX – Biotextilien aus Ägypten
Besonders gespannt waren wir natürlich alle auf NATURETEX, eines der fünf Unternehmen der SEKEM Holding, das GOTS zertifizierte Textilien herstellt und auch für das iVN Mitglied People Wear Organic arbeitet. Auch hier haben wir deutlich gemerkt, wie stolz hier alle auf das sind, was sie tun und welche Wertschätzung sie erfahren. Es war beeindruckend, mit wie viel Enthusiasmus uns die Mitarbeiter:innen die einzelnen Arbeitsschritte erklärt und gezeigt haben. Wir durften beim Sticken, Zwirnen, Wickeln, Stanzen, Nähen, Drucken und Verpacken zuschauen und auch einen Blick in den Showroom werfen.
Ein anschließender Besuch im NATURETEX Shop durfte auch nicht fehlen und hat den Einen oder Anderen Koffer etwas voller gemacht.
Bei einem traditionellen Beduinendinner im Garten von Sekem hatten wir nochmal Gelegenheit mit Helmy Abouleish, über aktuelle Herausforderungen und Innovationen im Bereich Kreislaufwirtschaft und Textilproduktion zu sprechen. Besonders interessant waren Gespräche über neue SEKEM Projekte, wie die Pflanzenfärbung von Textilien und das Recycling von Schnittabfällen zu Webtaschen.
Das weiße Gold
Am Dienstag haben wir uns in Begleitung Konstanze Abouleish von sehr früh zu einem Besuch beim „Hohen Mann“ aufgemacht. Das ist der Spitzname von einem der Bio-Bauern, die für SEKEM Bio-Baumwolle anbauen. Den hat er zu Recht, er ist wirklich sehr groß und ein echtes Unikum. Das Feld ist in Damietta im Nildelta und nahe am Meer/Alexandria gelegen. Hier wächst die qualitativ extrem hochwertige Baumwolle (extra lang), die auch das „Weiße Gold“ genannt wird.
Die Klimahelden von SEKEM waren begeistert von unserem Besuch. Ibrahim, der Hohe Mann und seine Helfer hatten großen Spaß daran, uns die verschiedenen Reifegrade der Baumwollkapseln zu zeigen, uns zu erklären, wie sie die hohe Qualität des Saatguts bewahren und mit uns Erntelieder zu singen. Und wir waren genauso begeistert. Es war schon ein besonderes Erlebnis, selbst einmal den Rohstoff Baumwolle zu ernten, mit dem wir sonst ja nur in verarbeiteter Form umgehen.
Ibrahim, der hohe Mann
Wir erfuhren, dass der Klimawandel hier spürbare Auswirkungen zeigt. Die Aussaat hat sich schon jetzt von Februar/März zu April/Mai verschoben. Die Ernte erfolgt in zwei Etappen, die erste Ernte bringt ca. 85 % des Ertrags und die beste Qualität, dann folgt die zweite Ernte – die wir miterleben durften. Beide Ernten werden dann später beim Entkörnen gemischt.
Auch die Arbeitsbedingungen wurden thematisiert: Tagelöhner verdienen 10 ägyptische Pfund pro Kilo bei der ersten und 15 Pfund bei der zweiten Ernte. Im Schnitt ernten sie 10 bis 15 Kilo täglich, was etwa 150 Pfund (rund 3 Euro) pro Tag entspricht. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Monatslohn von Erntehelfern lag im Jahr 2023 bei 60–70 Euro.
Durch den Erhalt von CO2 Zertifikaten können die Bauern ihren Verdienst deutlich erhöhen SEKEM stellt diese für die Klimahelden (Biolandwirte) aus und ist in Ägypten als einziges Unternehmen dafür akkreditiert. Außerdem gibt es Abnahmegarantien für die Bauern.
Ein wesentlicher Vorteil für die Landwirte ist die Möglichkeit, durch den Handel mit CO₂-Zertifikaten, die SEKEM ausstellt, ihr Einkommen zu steigern. SEKEM ist das einzige akkreditierte Unternehmen in Ägypten, das diese Zertifikate anbieten darf. Darüber hinaus genießen die Bauern Abnahmegarantien für ihre Ernte. Aktuell sind etwa 13.000 Bauern Teil der SEKEM-Initiative, und bis Ende 2025 will SEKEM diese Zahl auf 40.000 steigern. Das Interesse ist groß, denn die Zusammenarbeit mit SEKEM bringt nicht nur finanzielle Vorteile, sondern auch ein hohes Ansehen – eine Urkunde, die ihre Mitgliedschaft bestätigt, wird vom Gouverneur persönlich überreicht.
In Ägypten kontrolliert übrigens der Staat die Saaten und legt genau fest, in welcher Region welche Baumwolle angebaut werden darf. Nachdem Entkörnen wird die Staat gezählt und dokumentiert. Die Reste, die im Folgejahr nicht gesät werden, werden auf 55 Grad erhitzt damit diese nicht mehr keimen – eine exakte Kontrolle der Qualitäten. Der Export von Samen und Rohbaumwolle ist verboten. All das und noch viele weitere Fakten und Anekdoten haben wir vom Hohen Mann auf dem Feld und von Konstanze Abouleish erfahren.
Greening the Desert: die Wahat El-Bahareya Oase
Am Mittwoch hieß es dann noch früher Aufstehen. Die Fahrt zur SEKEM Oase dauerte über 6 Stunden – und hat sich absolut gelohnt.
Nach der Begrüßung durch Farm-Chef Mohamed Salah gab es eine Besichtigungstour per Bus – die Farm ist sehr weitläufig … Die Wüstenfarm umfasst aktuell über 1.400 Hektar. Über ein Viertel konnte schon durch den Verkauf von CO2-Zertifikaten und Crowdfunding in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt werden.
Erste Station war ein Feld mit Moringa-Bäumen. Sie werden mit Kaktusfeigen zusammen angebaut, zum optimalen Wassernutzung. Die Kakteen speichern das Wasser und geben es bei Bedarf wieder an die Umgebung ab. Das Ziel ist durch die richtige Zusammenstellung der Pflanzung den normalen Wasserverbrauch auf ein Vierzigstel zu senken.
Die effiziente Nutzung von Wasser ist im Wüstenkontext ein zentrales Element nachhaltiger Landwirtschaft – entsprechend spielt das Thema Bewässerung auf der SEKEM-Farm eine Schlüsselrolle. Während unseres Besuchs konnten wir einen umfassenden Einblick in die unterschiedlichen eingesetzten Bewässerungssysteme gewinnen, die speziell auf die klimatischen und geologischen Bedingungen vor Ort abgestimmt sind.
Tröpfchenbewässerung, Unterbodenbewässerung und die beeindruckenden Pivot-Bewässerungsanlagen. Bei den vollautomatischen Kreisberegnungsanlagen dreht sich ein langes, fahrbares Gestänge um einen zentralen Punkt und bewässert dabei die Fläche in einem großen Kreis.
Das Wasser wird nach dem Gießen per Dränage in Gruben gesammelt und dann aufbereitet und wieder verwendet. Betrieben wird das alles mit Sonnenenergie – überall auf dem Gelände konnten wir die Kollektoren sehen.
SEKEM fördert auch hier in der Wüste Kunst und Kultur. Regelmäßig können die Mitarbeitenden und ihren Familien an Workshops und kreativen Projekten auf der Farm teilnehmen. Eine Kostprobe haben wir am Abend im farmeigenen Amphitheater bekommen, mit einem Konzert arabischer Popmusik.
Ein Highlight zum Abschluss des Abends war dann eine Gesprächsrunde mit Helmy Abouleish und den IVN Mitgliedern. Wir hatten Gelegenheit, Fragen zu stellen und mehr zu Themen wie Wasserverbrauch, Bodenbeschaffenheit oder die nächsten Ziele des Wüstenprojekts zu erfahren.
Hier in den Wüstendörfern hat die Förderung von Frauen eine noch größere Bedeutung als in der Gegend um Kairo. SEKEM „holt Sie aus dem Haus und ermöglicht ihnen die Teilhabe“, erklärt Helmy. Grundsätzlich werden den Mitarbeitenden und auch den Bauern faire, also existenzsichernder Löhne gezahlt, sie genießen Krankenschutz, Versicherungen und ein kulturelles Angebot. So ist SEKEM ein attraktiver Arbeitgeber und die vernetzten Bauern öffnen sich der Idee des biodynamischen Anbaus schnell.
Die Kühle im ägyptischen Schwarzwald
Der ägyptische Schwarzwald
Zusammen mit Helmy bekamen wir am Donnerstag die Gelegenheit, am Morgenkreis der Mitarbeitenden teilzunehmen. An jedem Morgen um 7:40 Uhr versammeln sich hier – wie auch der SEKEM Mutterfarm – alle zum Start in den Tag. Zu Anfang gibt es gewöhnlich ein Zitat als Tagesmotto, dann wird sich dazu ausgetauscht. Bei dem Zitat an diesem Morgen geht es um das Lächeln, mit dem wir andern begegnen, nicht nur Freude schenkt, sondern uns auch selbst wieder begegnet. Die respektvolle aber lockere Stimmung waren richtig erfrischend, es wurde ordentlich gelacht.
Die anschließende Fortsetzung der Besichtigungstour fand mit Helmy statt. Auf dem Weg der vielen einzelnen Stationen konnten wir die einzelnen Fasen der Wüstenbegrünung eindrücklich nachvollziehen. Die vielen Hektar Land werden im Lauf der Jahre Steifen für Streifen fruchtbar gemacht – die unterschiedlichen Baumgrößen und die Bodenbeschaffenheit machen das sehr deutlich. Ein kurzer Spaziergang durch „Schwarzwald der Wüste“, wie Helmy ihn nennt hat uns fühlen lassen, was für eine unglaubliche Wirkung die Bewaldung hier hat. Der kleine Wald kühlt die Luft im Sommer bis zu 20 Grad runter.
Abwasserlabor
Interessant war auch der „Botanische Garten“, das Gelände für den Versuchsanbau der Farm. Hier werden Anbaustrategien für verschiedene Nutzpflanzen getestet und welche Pflanzen am Standort gut funktionieren– von Kräutern über Tees bis hin zu Heilpflanzen. Es dauert durchschnittlich ein Jahr bis die Entscheidung getroffen werden kann, ob eine Pflanze angebaut wird oder nicht. Der benötigte Kompost wird selbstverständlich auch hier vor Ort selbst erzeugt.
Im eigenen Labor, das wir uns auch kurz angeschaut haben, werden Wasserproben auf verschiedenste Parameter hin analysiert. Dabei geht es einerseits darum, das Abwasser zu untersuchen, aber auch auch die Qualität von Frisch- und Trinkwasser zu kontrollieren. Auch die Bakterienzüchtung für den Anbau ist eines der Arbeitsfelder.
Zum Schluss haben wir noch einen kurzen Blick in die Schule und den Kindergarten geworfen, 110 Kinder betreut die Einrichtung momentan. Die Nachfrage ist so groß, das gerade weitere Gebäude entstehen. Auch hier findet der Unterricht im Waldorf-Prinzip statt und schein den Kindern viel Spaß zu machen.
Dass uns Helmy Abouleish selbst auf der Tour begleitet hat, war etwas ganz Besonderes. Zu erleben, wie der Mann vor Ideen zur Verbesserung der Umwelt und den Lebensbedingen für seine große Familie nur so sprüht und diese auch erfolgreich umsetzt – extrem motivierend!
Darüber hinaus haben wir noch einmal super viele Infos, Funfacts und Insights erhalten.
Ein paar weinige Beispiele:
Das Land, auf dem die Farm entsteht, muss zweimal gekauft werden. Einmal von den Beduinen, die das Land in Anstellung auch weiter bewirtschaften und noch einmal vom Staat- quasi wie bei uns die Grundsteuer.
Es wurden in den 15 Jahren, in denen der Boden jetzt bewirtschaftet wird, rund 400.000 Bäume gepflanzt. Das kurzfristige Ziel ist es, bis Ende 2027 die Million zu erreichen.
Es wird derzeit ein Verfahren entwickelt, wie man aus dem Abfall der Dattelbäume (auf der Farm und vor allem auch von außerhalb) , ein Torfersatz hergestellt werden kann, statt sie zu verbrennen. SEKEM baut gerade bereits Verarbeitungsgebäude für diesen Zweck. Wir reden hier von über 100.000 Bäumen.
Ungefähr zwei Jahre brauchen die angepflanzten Bäume, um 4 Meter hoch zu werden. Es werden Mischwälder angepflanzt um die Äcker vor Sandstürmen und Abdrift benachbarter Felder zu schützen und der Erosion entgegenzuwirken.
Wir waren ja schon von der Farm nahe Kairo beeindruckt, aber Wahat hat nochmal deutlicher gezeigt, was man mit Pioniergeist, Innovation, Visionen und Verbundenheit alles erreichen kann.
Schweren Herzens nehmen wir Abschied! Zutiefst beeindruckt und auch ein bisschen berührt klettern wir wieder in den Bus für die Rückfahrt nach Kairo.
Fatmas Wohnzimmer
Zu Gast bei Fatma
Am Abend war noch ein „Family Hosted Dinner“ gebucht – ein Tipp von Lamis Abbushi-Rawash, unsere Reiseleiterin. Eine ägyptische Familie hat uns bekocht und wir bekamen einen Eindruck in das Leben von Fatma und ihrem Mann, er ist bei der Polizei, sie ist Hausfrau.
Nachdem ihre Kinder nun schon fast erwachsen sind, hatte Fatma den Wunsch nicht mehr länger „nur“ Mutter zu sein und eine staatliche Zulassung für diese Dinner-Veranstaltungen und Kochkurse absolviert. Wir hatten also einen Einblick in ihren Alltag und eine Menge sehr leckerer ägyptischer Speisen.
Um uns ihre Welt zu zeigen, bekamen wir Einblicke in Fotoalben, Kunstwerke der Tochter und wurden mit traditionellen Kopfbedeckungen ausgestattet – lustige Bilder und eine schöne Erinnerung …
Grand Egyptian Museum
Sight-Seeing in Kairo
Zurück in Kairo im Hilton Ramses ist das üppige Frühstück am Freitag nach den authentischen Aufenthalten der letzten Tage fast ein bisschen surreal. Aber die letzten Tage unserer Reise waren eher touristisch und daher passte das sogar ganz gut.
Unsere erste Sehenswürdigkeit war das Neue Museum Grand Egyptian Museum in Kairo. Das Gebäude selbst ist schon sehenswert. Die klare und moderne Architektur kontrastiert, aber konkurriert nicht mit den historischen Exponaten im Inneren, die durch eine moderne Kuratierung bestechen. Aufgeteilt in vier historische Perioden und drei Lebensbereiche (Gesellschaft, Herrscher und Glauben) sind alle Artefakte übersichtlich ausgestellt – und es sind unglaublich viele: über 100.000 Stück.
Die Pyramiden von Gizeh sind quasi Pflichtprogramm bei einem Besuch in Kairo. Und es ist schon bemerkenswert, vor diesen viele Tausend Jahre alten Gebäuden zu stehen. Die vielen Touristen haben den Eindruck ein bisschen abgeschwächt, aber beim Lunch hatten wir von der Restaurant-Terrasse noch einmal einen Gesamtüberblick mit etwas Abstand auf das Gelände mit allen Pyramiden – und das war dann auch wirklich wie ein kleiner Sprung in die Welt der Pharaonen der Vergangenheit.
Pyramiden von Gizeh
Wissa Wassef Art Center
Zurück zum Textil-Thema: Der nächste Programmpunkt des Tages war der Wissa Wassef Art Center, eine Werkstatt und Schule für Weberei, Färberei, Batik und Skulpturen. Eigentlich nur als kurzer Zwischenstopp auf dem Weg gedacht, wurde das Zentrum zu einem weiteren Highlight unserer Reise.
Es ist bekannt für seine außergewöhnlichen handgewebten Wandteppiche und ist ein wichtiger Ort zur Förderung traditioneller ägyptischer Handwerkskunst, vor allem des Webens. Die Materialien werden traditionell mit Pflanzen gefärbt, die im Garten der Schule auch angebaut werden.
Wir waren überrascht, wie kunstvoll und kreativ die ausgestellten Objekte sind. Die jungen Frauen, die hier gefördert werden sitzen oft Monate lang an einzelnen Teppichen. Hier schloss sich auch der Kreis zu SEKEM, die zum Projekt Pflanzenfärbung bereits im Austausch mit Suzanne Wissa Wassef, Leiterin und Tochter des Gründers stehen.
Ein Besuch auf dem bekanntesten Markt Kairos, dem Khan El Khalili, durfte im Programm nicht fehlen. Das traditionelle Handeln gehört einfach zur Kultur in Kairo dazu. Interessanterweise waren Touristen eher in der Unterzahl.
Das Koptische Viertel Kairos
Am letzten gemeinsamen Tag in Kairo stand vormittags ein Streifzug durch verschiedenen Gotteshäuser. Es wr interessant, wie viele Glaubensrichtungen hier seit vielen Jahrhunderten zuhause sind.
Die Blaue Moschee in Kairo, offiziell die Aqsunqur-Moschee genannt, wurde 1347 vom Mamlukenfürsten Amir Aqsunqur errichtet. Sie ist bekannt für ihre einzigartigen blauen Fliesen, die im 17. Jahrhundert von dem osmanischen Beamten Ibrahim Agha hinzugefügt wurden.
Al-Mu’allaqa, auch bekannt als „Hängende Kirche“, ist eine der ältesten und bekanntesten koptisch-orthodoxen Kirchen in Kairo. Sie erhielt ihren Namen, weil sie über einem Torhaus der antiken römischen Festung Babylon erbaut wurde und durch ihr erhöhtes Fundament den Eindruck erweckt, als würde sie hängen.
Die Abu-Serga-Kirche, gehört zu den ältesten und bedeutendsten koptisch-christlichen Kirchen in Kairo. Im 4. oder 5. Jahrhundert wurde sie an der Stelle errichtet, an der die Heilige Familie – Maria, Josef und das Jesuskind – laut Überlieferung während ihrer Flucht nach Ägypten Schutz suchten.
Die Ben-Ezra-Synagoge in Kairo, die älteste ihrer Art in Ägypten, wurde im 9. Jahrhundert erbaut. Bekannt ist sie vor allem als Standort der legendären Kairo-Geniza, einer Sammlung von etwa 300.000 historischen Dokumenten und Manuskripten, die wertvolle Einblicke in das jüdische Leben und die religiöse Geschichte des Mittelalters liefern. Heute fungiert die Synagoge als Museum und erinnert an das historische, jüdische Erbe Ägyptens.
Mit vielen interessanten Eindrücken aus den besonderen Erlebnissen im Gepäck endete dann die erste iVN Academy-Reise. Wir werden es sicher wieder tun!
